„The/Das Gift“ überzeugt durch Liebe zum Detail

Kunst am Bau-Wettbewerb für Zollamt Soltau abgeschlossen

Im Wartebereich des Zollamtes Soltau können Besucherinnen und Besucher demnächst auf die Suche gehen und verschiedene Lebewesen entdecken (Grafik: Akinori Tao).

Im Wartebereich des Zollamtes Soltau können Besucherinnen und Besucher demnächst auf die Suche gehen und verschiedene Lebewesen entdecken (Grafik: Akinori Tao).

Bonn/Soltau 1. Juli 2026. In dem Kunst am Bau-Wettbewerb der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) für Nachwuchskunstschaffende der Kunsthochschule HFK Bremen, HFBK Hamburg und HBK Braunschweig hat das Preisgericht aus insgesamt vier eingereichten Entwürfen die Arbeit „The/Das Gift“ von Akinori Tao als Sieger für das Zollamt Soltau ausgewählt. 

Die Jury überzeugte ein ebenso stimmiges wie überraschendes Konzept, das durch poetische Tiefe, hohe handwerkliche Qualität und außergewöhnliche Liebe zum Detail besticht.

Ausgehend von den Aufgaben des Zolls zeigt die Arbeit eine vielschichtige Erzählung über Sichtbarkeit und Verborgenes, Schutz und Gefährdung sowie den Wert von Natur und Leben. Beschlagnahmte Tiere und Pflanzen, die normalerweise hinter verschlossenen Türen lagern, treten in den öffentlichen Raum und machen einen Bereich erfahrbar, der für Besucherinnen und Besucher meist unsichtbar bleibt. Zentraler Gedanke des Entwurfs ist die fingierte „Wiederbelebung“ einiger beschlagnahmten Präparate.

Poetische und zugleich kritische Kraft

Die in bronzenen Bilderrahmen dargestellten Schmetterlinge, Amphibien, Käfer und Pflanzen lösen sich aus ihrer musealen Fixierung als Sammelobjekte und Trophäen. Sie treten als plastische Figuren in den Raum hinaus und verleihen diesem eine unerwartete Lebendigkeit. Gerade im Spannungsfeld zwischen Anwesenheit und Abwesenheit entfaltet der Entwurf seine poetische und zugleich kritische Kraft. Die zurückbleibenden Stecknadeln und fragmentarischen Konturen verweisen auf die Brutalität des Präparierens sowie auf die Aneignung und Ausbeutung der Natur durch den Menschen. Die leeren Rahmen werden zu stillen Zeugnissen eines Verlustes und erinnern an die Verletzlichkeit bedrohter Arten. Die Arbeit verbindet damit auf überzeugende Weise spielerische Leichtigkeit mit gesellschaftlicher Reflexion und emotionaler Tiefe.

Geschenk oder Gefahr?

Wesentlich zur Qualität des Entwurfs trägt auch der Titel „The/Das Gift" bei. In der Gegenüberstellung des englischen Wortes gift – Geschenk oder Gabe – und des deutschen Begriffs Gift – Gefahr und Vergiftung – verdichtet sich die inhaltliche Ambivalenz der Arbeit. Die beschlagnahmten Objekte erscheinen zugleich als begehrte Handelsware, als Ausdruck menschlicher Aneignung und als potenzielle Gefahr für Natur, Gesundheit und ökologische Systeme.

Dabei verweist der Entwurf nicht nur auf die Bedrohung geschützter Arten durch illegalen Handel, sondern auch auf die gesundheitlichen Risiken, die mit der unerlaubten Einfuhr von Tieren und Pflanzen verbunden sind: Parasiten, Bakterien und Pilze überwinden auf diesem Weg Grenzen und stellen potenzielle Gefahren für Mensch, Tier und Ökosysteme dar. Die Arbeit eröffnet damit neue Perspektiven in Bezug auf das Zollamt – eine Institution, die häufig ausschließlich mit administrativen Abläufen assoziiert wird.

Entdeckungsreise im Wartebereich

Die Besucherinnen und Besucher werden eingeladen, diesen Spuren zu folgen und die teils unter Artenschutz stehenden Lebewesen im Wartebereich des Zollamts zu entdecken. Die Arbeit nutzt dabei gezielt das Moment der Neugier: Das schrittweise Auffinden der aus den Rahmen „entkommenen“ Tiere und Pflanzen verwandelt den Aufenthalt im Gebäude in eine Entdeckungsreise. Aus einer ersten Irritation entsteht Aufmerksamkeit, aus Aufmerksamkeit Interesse und schließlich eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Themen des Werks.

Gesellschaftliche Relevanz und handwerkliche Exzellenz 

Besonders würdigte die Jury unter anderem die hohe handwerkliche und materielle Qualität des Entwurfs. Die in Bronze ausgeführten Rahmen, Skulpturen und Bodenelemente zeugen von einem tiefen Verständnis für Material, Handwerk und Beständigkeit. Mit der Entscheidung für „The/Das Gift“ zeichnet das Preisgericht einen Entwurf aus, der konzeptionelle Klarheit, poetische Qualität, gesellschaftliche Relevanz und handwerkliche Exzellenz auf überzeugende Weise miteinander verbindet. Die Arbeit übersetzt komplexe Themen wie Artenschutz, illegalen Handel, gesundheitliche Risiken und den Umgang des Menschen mit der Natur in eine ebenso zugängliche wie berührende künstlerische Form und verleiht dem Ort eine unverwechselbare Identität.

 Weitere Informationen zum Wettbewerb, den Siegerentwurf und die prämierten Entwürfe von Nora Lube, Candan Öztürk und Despoina Pagiota finden Sie hier.